Extra: Willi Wacker ist tot.
William Agudelo, Autor, Liedermacher, Kunsthandwerker, der Freund von Ernesto Cardenal, mit dem er die christliche Kommune von „Solentiname“ in Nicaragua gegründet hatte, der Freund von vielen von uns, ist tot. Er starb Ende 2023.

Er war ein Freund auch von mir, viele Jahrzehnte lang. Freund, Gefährte, Compagnero, Mitarbeiter, ungemein hilfreicher Kollege bei meinen Filmen und Radiosendungen aus Nicaragua.

Willi Wacker ist tot. „Willi Wacker“ hat er sich manchmal genannt, manchmal als nom de plume, manchmal augenzwinkernd selbstironisch die Mühen der Berge und Ebenen kommentierend, über die er den Sisyphosstein seiner Arbeiten für die nicaraguanische Revolution rollte. Mühen, die in den letzten Jahren immer mühsamer, gefährlicher und deprimierender wurden unter dem autokratischen Regime Ortegas. Diesem Hurensohn (ach, nein, wir wollen die Sexarbeiterinnen nicht beleidigen, auch nicht die Hunde) also: dieser Canaille, dem Usurpator, der die Revolution inspiriert, installiert, dann okkupiert und schließlich kupiert hat zu einem Familienclan mafiöser Oligarchen.

Dieses Extra bringt neben einigen persönlichen Erinnerungen an William Agudelo auch Dokumente anderer Freude wie dem Verleger Hermann Schulz oder dem Übersetzer Lutz Kliche. Vor allem aber bietet es Auszüge aus seinen literarischen Werken: Aus dem frühen, tagebuchartigen Lebensbericht („Unser Lager bei den Blumen im Felde“), der seine Jahre als junger Seminarist im Konflikt zwischen menschlicher und göttlicher Liebe und die Gründung der christlichen Kommune von „Solentiname“ mit Ernesto Cardenal nachzeichnet. Und seinem letzten auf Deutsch erschienen Gedichtband „Deutschland im Zug“.

Die Texte daraus liest Kerstin Bachtler

William Agudelo
Deutschland im Zug – Gedichte
Übersetzt von Lutz Kliche
Herausgegeben von Hermann Schulz und Lutz Kliche
Mit einer Umschlagzeichnung von Malte Roß
Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag

Deutschland im Zug – Leseprobe vom NordParkVerlag

Biografisches von Hermann Schulz, Verleger des Peter Hammer Verlags und Lutz Kliche, Übersetzer, beide enge Freunde von ihm, über William Mejía Agudelo

Als das erste Buch dieses Autors erschien, schrieb der Priester und Dichter Ernesto Cardenal im Vorwort: »Ich bin sicher, dass dieses Buch Nonnen und Atheisten, Beatniks und Seminaristen, Studenten, Literaturkritiker, junge Dichter und Theologen gleicherweise interessieren wird. Und es wird sie mehr und mehr fesseln, je weiter sie in der Lektüre fortschreiten.« Dieses ›Tagebuch‹ eines katholischen Seminaristen erschien in Deutsch 1972 unter dem Titel Unser Lager bei den Blumen auf dem Felde. Da lebte der Autor, geboren 1943 in Kolumbien, schon seit einigen Jahren in seiner Wahlheimat Nicaragua. Diese erste Probe seines schriftstellerischen Könnens, 1970 in Mexiko erschienen, bezauberte durch die ungewöhnliche Sprache, mit der er Erotik, körperliche Liebe und seinen Anspruch an Glaube und Theologie in Übereinstimmung zu bringen versuchte.

Sein Freund Ernesto Cardenal fand für ihn und mit ihm eine einfache Lösung aus seinen Problemen: Verzichte auf einen geistlichen Beruf – und heirate die Frau, die du liebst! Agudelo reiste nach Nicaragua und lebte viele Jahre mit Frau und Kindern auf der Insel Solentiname im Großen See von Nicaragua, wo Cardenal eine christliche Kommune gegründet hatte. Der noch junge Agudelo widmete sich aber in diesen Jahren weniger der Literatur; er malte, er gestaltete Truhen mit historischen Motiven, er begleitete die Bäuerinnen und Bauern der Inseln bei ihrer (naiven) Malerei.

In den 70er Jahren folgte er einer Einladung nach Peru und gestaltete Plakate und riesige Wandtafeln im ganzen Land als Werbung für die Landreform der Regierung. Inzwischen zeichnete sich in Nicaragua ab, dass die Sandinistischen Guerillas die Diktatur der Familie Somoza vertreiben würden; in Deutschland und ganz Europa war eine breite Solidaritätsbewegung für die Revolution entstanden; Vertreter der Sandinisten war in den Jahren 1978/79 Enrique Schmidt Cuadra. Als er für die FSLN (Sandinistische Befreiungsfront) nach Costa Rica reiste, berief er William Agudelo als seinen Nachfolger in der Betreuung der Solidaritätsbewegung. Von 1979 bis zum Frühjahr 1980 lebte William mit seiner Familie in Wuppertal, bis ihn nach dem Sturz der Diktatur (am 19. Juli 1979) der neu ernannte Kulturminister Ernesto Cardenal in sein Ministerium und nach Nicaragua zurückrief.

In den Jahren von 1980 bis 1990 besuchte der mehrfach Deutschland. Er kam als Sänger seiner eigenen Lieder, die er mit der Gitarre begleitete, und als Berichterstatter der neuen sandinistischen Regierung Nicaraguas. Der tvd-Verlag in Düsseldorf produzierte mit ihm insgesamt drei Schallplatten; mehrfach trat er bei Deutschen Evangelischen Kirchentagen auf und gab Konzerte in Österreich und der Schweiz. Im Jahr 2014 besuchte er Deutschland erneut, um seine vielen Freunde überall im Land zu besuchen. Seine Impressionen hat er in Gedichten festgehalten, die nun als Publikation der Reihe Die besonderen Hefte in der Übersetzung seines Freundes Lutz Kliche vorliegen. Sie zeigen einen Autor, der mit Humor, Sinnlichkeit und wachem Auge ein Land besucht, das er früher mehrfach bereiste.

In seinem schriftstellerischen Schaffen hat William Agudelo sich vor allem den Biografien von im Kampf gegen die Diktatur gefallenen jungen Freiheitskämpfern gewidmet. Sein erstes Buch aber ist nach wie vor ein wichtiger, unverwechselbarer Titel auf dem lateinamerikanischen Buchmarkt; man könnte auch sagen, dass ein wegweisendes Buch mehr ist als viele Autoren lebenslang zustande bringen.

zu einem Artikel von Hermann Schulz über William Agudelo von 2024

William Agudelo: Managua 2015
Foto: (c) Theo Schneider
William Agudelo
Foto: (c) Theresa Agudelo
William Agudelo: Rio San Juan 2015
Foto: (c) Theo Schneider
Rio San Juan 2015
Foto: (c) Theo Schneider
Rio San Juan 2015: Stromschnellen bei El Castillo
Foto: (c) Theo Schneider
Der Affe der William beim Pinkeln auf den Kopf pinkelte
Foto: (c) Theo Schneider

Auszüge E-Mailverkehr: Theo Schneider und William Agudelo (aus dem Jahr 2021)