Vor mehr als dreißig Jahren hat das Künstlerhaus des Landes Rheinland-Pfalz in Edenkoben das Format „Poesie der Nachbarn – Dichter übersetzen Dichter“ entwickelt, das mittlerweile Nachahmer in der ganzen Welt gefunden hat.
Das Konzept: Deutschsprachige Lyriker und Lyrikerinnen treffen sich einmal im Jahr mit Dichterinnen und Dichtern aus einem europäischen Nachbarland in einem mehrtägigen Workshop, um deren Texte zu übersetzen. Unmittelbar danach folgen gemeinsame Lesetermine auf Veranstaltungen in der Region und ein Jahr später erscheint eine Anthologie der Originaltexte und ihrer Übersetzungen.
Zum ersten Mal waren im vorigen Jahr Lyriker und Lyrikerinnen aus Tschechien zu Gast. Einige von ihnen und ihren deutschen Kollegen und Kolleginnen hat podcastliteratur.de für Folge 62 zu einem Gespräch über Tendenzen tschechischer Lyrik und die Schwierigkeiten beim Übersetzen aus der westslawischen Sprache hinter dem Mikrofon versammelt.
Dabei fällt in diesem Jahr vor allem zweierlei auf: Zum einen sind es fast ohne Ausnahme vor allem junge Lyrikerinnen und Lyriker, die aus Tschechien nach Edenkoben gekommen sind. Und ihre Texte sind oft ausgesprochen schwierig zu übersetzen, da viele sehr stark an Klangwirkungen der tschechischen Sprache orientiert oder ausgesprochene Klanggedichte sind, deren „Bedeutungen“ überhaupt nicht lexikografisch zu erfassen sind.
So kommt es, dass die Teilnehmer ihre Übertragungsversuche mit der Erweckung von Frankenstein-Monstern vergleichen, vom Übersetzen als „Frankensteinisieren“ sprechen und dass man „das Monster montieren“ muss, wenn es um die Frage geht, wie denn eigentlich unübersetzbare Texte dennoch ins Deutsche übertragen werden können.
Und natürlich reden wir auch von den Besonderheiten der westslawischen Sprache und über tschechische Lyrik in der Vergangenheit und Gegenwart.

Tereza Bínová

Tereza Bínová, geboren 1990 in der Vysočina, lebt in Telč. Lyrikerin und Psychologin. Debütierte im Jahr 2014 mit ihrem konzeptuellen Gedichtband Souborna zkouška (»Abschlußprüfung«). Für ihren jüngsten Band Červeny obr (»Der rote Riese«) erhielt sie 2023 den Literaturpreis Magnesia Litera. Sie arbeitet als Therapeutin und lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer Kleinstadt im Süden Tschechiens.
Róža Domašcyna

Róža Domašcyna, geboren 1951 in Zerna bei Kamenz, lebt in Bautzen. Schreibt Lyrik, Essays, Dramatik und Rezensionen, ist auch Herausgeberin und Nachdichterin. Zuletzt erschien: stimmen aus der unterbuhne (poetenladen, Leipzig 2020); Poesiealbum 354 (Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2020); Unterm weisleinenen tuch, Gedichte und Nachdichtungen (Domowina, Bautzen 2026)
Daria Gordova

Daria Gordova, geboren 1996, lebt in Prag. Studierte Germanistik und anglophone Literatur und Kultur an der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität. Sie hat in den Foren Protimluv, Tvar und in Nedělni chvilka Poesie publiziert und ihr Gedicht Stěna (»Wand«) wurde in der Anthologie Nejlepši česke basně 2019 (»Die besten tschechischen Gedichte «) veröffentlicht. Derzeit bereitet sie ihren ersten Gedichtband mit dem (Arbeits-)Titel Formaldehyd zur Veröffentlichung vor. Vor kurzem gründete sie das Projekt #čtemeženy (»wir lesen«) bei Instagram, mit dem sie tschechische Dichterinnen vorstellt.
Marit Heuß

Marit Heuß, geb. 1984 in Schlema, lebt als Lyrikerin und Literaturwissenschaflerin in Leipzig. Ihre Lyrik wurde u.a. ausgezeichnet mit einem Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben (2020) und des Literarischen Colloquium Berlin (2026). Zuletzt erschien ihr Lyrikdebüt Verschlissenes Idyll (poetenladen, Leipzig 2025).
Tim Holland

Tim Holland, geboren 1987 in Tübingen, lebt in Berlin. Autor, Literaturvermittler und Verleger (hochroth München). Ausbildung zum Buchhändler in Tübingen. Zuletzt erschien das Langgedicht wir zaudern, wir brennen (Matthes & Seitz, Berlin 2022), das auch als kinetische Installation umgesetzt wurde. Im Herbst 2026 erscheint der autofiktionale Essay Schweis fliest, wenn Muskeln weinen (Maro Verlag, Augsburg).
Alexander Kappe

Alexander Kappe, geboren 1987 in Berlin, lebt dort. Lyriker, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und -Vermittler. Promotion in Berlin und Oxford. Mitherausgeber der Zeitschrift Transistor – Zeitschrift fur zeitgenossische Lyrik sowie verschiedener Anthologien. Übersetzer von Keith Waldrop. Zuletzt erschien: nachreden auf dunkelengel (gutleut verlag, Frankfurt 2023) und kleiner mann triptychon (gutleut Verlag, Frankfurt 2026) sowie die Ubertragung eines Bandes von Yevgeniy Breyger aus dem Deutschen ins Englische: fugitive moons (Shearsman Books, Swindon).
Pavel Novotný

Pavel Novotný, geboren 1976 in Prag, lebt in Liberec. Lyriker, Übersetzer, Germanist, Pädagoge, Leiter des Instituts für deutsche Sprache der TU Liberec (Reichenberg), lehrt auch an der Dresdner TU. Er hat mehrere Literaturpreise erhalten (u.a. Magnesia Litera für Lyrik 2021, Dresdner Lyrikpreis 2022), 2010 auch Prix Bohemia Radio für die experimentelle Radiokomposition Weltall. Er übersetzte u.a. Hans Magnus Enzensbergers Gedichtzyklen oder die Anthologie der Wiener Gruppe. Als Literaturwissenschaftler interessiert er sich für die literarische Collage und Montage sowie für das Thema akustische Literatur und experimentelles Hörspiel.
Marion Poschmann

Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, lebt in Berlin. Schreibt Gedichte, Romane und Essays, für die sie vielfach ausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Peter-Huchel-Preis 2011, dem Deutschen Preis für Nature Writing 2017 und dem Joseph-Breitbach-Preis 2023. Zuletzt erschienender Gedichtband Nimbus (Suhrkamp, Berlin 2020), der Essay Laubwerk (Verbrecher Verlag, Berlin 2021), der Roman Chor der Erinnyen (Suhrkamp, Berlin 2023) sowie die Verslegende Die Winterschwimmerin (Suhrkamp, Berlin 2025).
Christian Schloyer

Christian Schloyer, geboren 1976 in Erlangen, lebt in Nürnberg. Xier improvisiert elektroakustische Klangwelten, schreibt Lyrik und verschmelzt beides zu Game-Level. Zuletzt erschien JUMP N`RUN (poetenladen, Leipzig 2017) und der Doppelband VENUS–MARS (poetenladen, Leipzig 2024). Auszeichnungen u. a. Leonce-und-Lena-Preis 2007 und Lyrikpreis München 2016.
Anna Štičková

Anna Štičková, geboren 1994, lebt in Brünn. Zuletzt erschien der Gedichtband Nejsi ze Sudet? (»Kommen Sie aus dem Sudetenland?«). Zusammen mit Sylva Ficová hat sie Texte von Carol Ann Duffy, Emily Dickinson, Amy Lowell und Gertrude Stein übersetzt für die Anthologie Nebyla jen Sapfo (»Nicht nur Sappho«, 2023). Sie ist aktives Mitglied des Schriftstellerverbands (Asociace spisovatelů) und Mitbegründerin des Verbands der Kleinverleger und Buchhändler (Asociace malých nakladatelů a knihkupců). Sie arbeitet außerdem an der Philosophischen Fakultät der Masaryk-Universität in Brünn und forscht zum Thema Literatur in sozioökonomischen Kontexten.
Vojtěch Vacek

Vojtěch Vacek, geboren 1993 in Prag, lebt dort. Lyriker, Redakteur, Game-Writer, Musiker. Gedichte und Fabeln erschienen in Literaturzeitschriften, Zeitungen und Anthologien. Seine Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Veröffentlichte bisher Schopni jsou ti s chlopni (»Leute mit großer Klappe können das«, 2015), Měňagon (2021) für den er den Jiří-Orten-Preis erhielt, zuletzt Vlnění zvěře (»Wildwechsel«, 2024). Mitorganisator des landesweiten internationalen Festivals Den poezie (»Tag der Poesie«). Er ist Mitglied der Band Představy postavy.
Petr Váša

Petr Váša, geboren 1965 in Brünn, lebt dort. Lyriker und Musiker. Begründer Bands Z kopce (1985), Ošklid (1987) und A-Beat (1990). Nach deren Auflösung widmete er sich vor allem seinem Projekt der physischen Dichtung – ab 1991 mit Performances und Tonaufnahmen, ab 1992 auch mit zeichnerisch-visuellen Gedichten, Seminaren und Workshops an verschiedenen Kunsthochschulen sowie im Rahmen der Veranstaltungen zu besonderen Anlässen. Nach einer längeren Phase gründete er 1999 die Band Ty Syčaci. Im Jahr 2021 erschien sein Gedichtband Štěstí (»Glück«), 2023 das Kinderbuch Rajčaťaci a Banani (»Tomaten und Bananen«). Derzeit tritt Petr Váša sowohl solo als auch mit Ty Syčaci und der wiederbelebten Gruppe Jasna paka auf und unterrichtet physische Dichtung.