Folge 67: „Die geprügelten Tage, die so zutraulich begannen“
Hilde Domin – ein Jahrhundertleben

Die Dichterin Hilde Domin, eine der bedeutendsten deutschen Nachkriegslyrikerinnen, ging 1932 mit ihrem späteren Ehemann Erwin Walter Palm zum Auslandsstudium nach Italien, das mit Hitlers Machtübernahme zum ersten Exil wurde. Abenteuerliche Fluchten über Frankreich, England, die Dominikanische Republik nahmen den Jahren jegliche Zutraulichkeit.

Vor allem aber die konfliktreiche Ehe machten die 22 Jahre Exil zu „geprügelten Tagen“, die Hilde Domin überlebte, indem sie ihnen das Dennoch ihrer Buchstaben entgegensetzte. Schreiben war Atmen. Schreiben provozierte neue Auseinandersetzungen mit ihrem dichtenden Ehemann. Domins Gedichte aber wurden so zu Augenblicken der Freiheit, zu magischen Gebrauchsgegenständen. Zeitlos. Aktuell – und anwendbar für jedermann.

In Folge 67 und 68 blenden Marion Tauschwitz, Biografin, Mitarbeiterin und Freundin Hilde Domins und Theo Schneider in Lesung und Gespräch Leben und Literatur der Autorin auf – vom Elternhaus in Köln über die langen Jahre des Exils bis zu den Jahrzehnten in Heidelberg.

Da ihre Biografin Marion Tauschwitz tausende nachgelassene Briefe und Skripte sichten konnte, eröffnet sich nicht zuletzt auch in diesen Folgen von podcastliteratur.de ein neues, zu ihren Lebzeiten unbekanntes Bild der Frau und Dichterin.

Hilde Domin

Biografie Hilde Domin (nach Marion Tauschwitz)

Hilde Löwenstein (27.7.1909 – 22.2.2006) wuchs in einem großbürgerlichen Kölner Elternhaus auf, das die jüdische Religion nicht lebte. Judentum wird die Schriftstellerin Domin später als Schicksalsgemeinschaft bezeichnen, in die sie von Hitler hineingestoßen wurde.

Ihre Schulzeit verbrachte sie nach anfänglichem Privatunterricht im Elternhaus dann von 1922 bis 1929 am Kölner Merlo-Mevissen-Gymnasium. Nach Studienaufenthalten in Heidelberg, Köln, Berlin, kehrte sie im April 1931 nach Heidelberg zurück und wird ihr Studium 1932 als Diplom-Volkswirt abschließen. Lebens- und Schicksalsprägend war das Zusammentreffen in Heidelberg mit dem jüdischen Archäologie-Studenten Erwin Walter Palm, ihrem späteren Ehemann. Mit ihm begann sie im Herbst 1932 ein Studium in Rom, dann in Florenz. Italien wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten das erste Exilland.

Dramatische Flucht im März 1939 erst nach England, dann im August 1940 nach Santo Domingo. Hilde Domin bewältigte dort beider Alltag, war Sekretärin, Managerin, Fotografin für ihren Ehemann, der sich archäologischen Forschungen widmete. Gemeinsam übersetzten sie spanischsprachige Lyrik ins Deutsche.

Krankheiten, Ehekrisen, Getrenntleben und zuletzt der Tod der Mutter erschütterten Hilde Domins Jahre in Santo Domingo, wo sie schon 1946 mit dem Schreiben begann. Schreiben war Befreiung, Freiheit, Atmen, Überleben im Wort – im deutschen Wort. Erst später wird sie ihre „zweite Geburt“ als Dichterin auf den Tod der Mutter lenken.

Mit der Rückkehr nach Europa 1954 begreifen sich Domin und Palm als Vermittler moderner spanischsprachiger Lyrik. Ihre eigene Lyrik („Nur eine Rose als Stütze, 1959) veröffentlichte die Dichterin unter dem Pseudonym Hilde Domin – dem Namen ihrer Insel. Hilde Domin gewinnt schließlich den intensiven, langen Kampf um literarische Anerkennung im Nachkriegsdeutschland.

1960 wird für Erwin Walter Palm eine Stelle für „Ibero-amerikanische Kunst- und Kulturgeschichte“ an der Universität Heidelberg geschaffen. Domins Lyrik ist von Flucht-Erfahrungen und Exil geprägt. Sie versteht sich als „Notrufer“, der lebenslang um das menschliche Miteinander und Vergebung ringt. Ihre Gedichte plädieren für einen zwischenmenschlichen Neuanfang, verstehen sich als „magische Gebrauchsgegenstände, anwendbar für Jedermann“.

Nach dem Tod Erwin Walter Palm 1988 ist sie bis zu ihrem Tod im Februar 2006 eine unermüdliche Vermittlerin ihrer Lyrik.

Hilde Domin an ihrem 95. Geburtstag mit Marion Tauschwitz
Hilde Domin
Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie
630 Seiten zu Klampen Verlag
ISBN-13: 9783866745162
28 Euro

Bibliografie Hilde Domin

Die Liste enthält die Werke Hilde Domins mit dem Erscheinungsjahr und der Angabe des Verlags, bei dem sie zuerst erschienen sind.
Neuauflagen finden keine Berücksichtigung. Seit 1993 liegen alle Rechte beim S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.

1959 »nur eine Rose als Stütze. Gedichte«
S. Fischer Verlag
1962 »Rückkehr der Schiffe. Gedichte«
S. Fischer Verlag
1963 »Spanien erzählt. Sechsundzwanzig Erzählungen« (Hg.)
S. Fischer Verlag
1964 »Hier. Gedichte«
S. Fischer Verlag
1966 »Doppelinterpretationen. Das zeitgenössische deutsche
Gedicht zwischen Autor und Leser«
Athenäum Verlag
1968 »Höhlenbilder«
Hundertdruck (nummeriert und signiert)
Guido Hildebrandt Verlag
»Wozu Lyrik heute. Dichtung und Leser in der gesteuerten
Gesellschaft«
Piper Verlag
»Das zweite Paradies. Roman in Segmenten«
Piper Verlag
»Der leise Krieg. Gedichte« (Hg.)
Atelier Verlag Andernach
Domin-Biographie Seite 587
1970 »Ich will dich. Gedichte«
Piper Verlag
»Nachkrieg und Unfrieden. Gedichte als Index. 1945–1970« (Hg)
Sammlung Luchterhand
1971 »Die andalusische Katze«
500 Exemplare, nummeriert und signiert
Verlag Eremitenpresse
1974 »Von der Natur nicht vorgesehen. Autobiographisches«
Piper Verlag
1974 »Nelly Sachs. Gedichte« (Hg)
Bibliothek Suhrkamp
1981 »Traum«
500 Exemplare, nummeriert und signiert
Dreieich Verlag
1982 »Aber die Hoffnung. Autobiographisches aus und über
Deutschland«
Piper Verlag
1987 Gesammelte Gedichte
S. Fischer Verlag
1988 »Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter
Poetik-Vorlesungen«
Piper Verlag
1992 »Gesammelte Essays. Heimat in der Sprache«
Piper Verlag
»Gesammelte autobiographische Schriften. Fast ein
Lebenslauf«
Piper Verlag
Domin-Biographie
1995 »Nachkrieg und Unfrieden. Gedichte als Index. 1945–1995« (Hg.)
Fischer Taschenbuchverlag
1999 »Der Baum blüht trotzdem. Gedichte«
S. Fischer Verlag
1999 »Dieser weite Flügel«
CD, Der HörVerlag
2000 »Ausgewählte Gedichte«
Limitierte Sonderausgabe mit CD
S. Fischer Verlag
2009 »Die Insel, der Kater und der Mond auf dem Rücken«
Fischer Schatzinsel
»Die Liebe im Exil; Briefe an Erwin Walter Palm aus
den Jahren 1931–1959«
S. Fischer Verlag
2009 »Sämtliche Gedichte«
S. Fischer Verlag