1979, da war er gerade mal 16 Jahre alt, kam Hasan Özdemir nach Ludwigshafen, wo bis heute lebt und arbeitet, – neben seiner Dichterklause in Freinsheim. Dort organisiert er übrigens seit vielen Jahren ein kleines und feines Literaturfestival.
Einmal, als wir noch nichts voneinander wussten, waren wir uns einmal in weiter Ferne ganz nahe: In Kas (mit Cedille unterm s, gesprochen „Kasch“), das war ein Ferien- und Fluchtort im Süden der Türkei für linke Türken, und ein Jahrzehnt lang ein Herzensort von mir, in dem ich wasserwild und glücklich war).
„Kas“ ist auch der Titel eines der Gedichte in seinem neuen Buch, das vor kurzem im Tübinger Verlag Schiler und Mücke erschien. Es ist sein achter Gedichtband. Und er bringt eine überraschende Neuheit: auch Gedichte auf Türkisch!
Was zunächst banal erscheint bei einem türkischen Autor ist bei Hasan Özdemir höchst bemerkenswert. Denn er hat bislang nur auf Deutsch publiziert. Im neuen Band jedoch einige Texte ins Türkische übertragen. Nicht übersetzt. Sondern „übertragen“ im wahrsten translatorischen Sinn des Begriffs. Und hier klingen sie nicht nur anders und verschieden und neu, sondern habe auch etwas andere, etwas verschobene, zusätzliche „Sinne“. Kas heißt zum einen im Türkischen einfach Stein. Ok. Aber jede nicht durch ihr Kopftuch am Denken gehinderte Türkin weiß, das Kas eben auch eine kleine Stadt und ein heimlicher Zufluchtsort für linke türkische Urlauber während der Militärdiktaturen war.
Und natürlich wird jeder leidenschaftliche Leser bei dem Titel „Frag mente aus der Unruhe“ an den Echoraum denken, den das „Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa eröffnet. Und genau aus diesem Echoraum, aus diesem Lebensgefühl, kommen auch die Gedichte dieses neuen Bandes von Hasan Özdemir.
Was das ist erkläre ich Ihnen nicht. Lesen Sie Hasans neue Gedichte. Und zuvor am besten das Buch der Unruhe von Fernando Pessoa.
Aber hören Sie zunächst die köstliche Kostprobe von Kerstin Bachtler hier auf podcastliteratur.de.

Hasan Özdemir
geboren 1963 in Sorgun- Büyükkisla/Türkei, ist ein deutschsprachiger Lyriker und Erzähler und Dramatiker. Der Lyriker kam als Jugendlicher nach Deutschland und lebt seit 1979 in Ludwigshafen am Rhein und seit 2009 in Freinsheim.
An der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg studierte er Germanistik, Philosophie und Deutsch als Fremdsprachenphilologie.
Der Autor zahlreicher Lyrikbände erhielt 1994 ein Stipendium des Schriftstellerhauses Stuttgart und 2002 den Förderpreis für Literatur der Pfalz. 2010 erhielt er den Theaterpreis des Dramenwettbewerbes „Begegnungen“ in Ludwigshafen. Seine Gedichte wurden ins Englische, Französische, Polnische, Russische und Italienische übersetzt.
Seit 2009 ist er der Initiator der Literarischen Lese in Freinsheim und seit 2024 Literarischen Hebstes Freinsheim. Er ist Mitglied im PEN Deutschland.

Foto: Michael Flitsch
Bibliographie
1989 Was soll es sein (Gedichte); Anadolu Ekspres Verlag, Mannheim
1994 zur schwarzen nacht flüstere ich deinen namen (Gedichte); Verlag Hans Schiler, Berlin
1998 Das trockene Wasser (Gedichte); Verlag Hans Schiler, Berlin
2000 Vogeltreppe zum Tellerrand (Gedichte); Verlag Hans Schiler Berlin
2004 Windzweig (Gedichte); Verlag Hans Schiler, Berlin
2004 7 Gedichte; Verlag Peter Ludewig, München
2009 Die sichtbare Stadt (Prosa); Llux Verlag Ludwigshafen
2010 Der Proband (Theaterstück)
2011 Der Pianist und das Herzchen (Theaterstück)
2013 Geschälte Sätze (Gedichte); Verlag Hans Schiler, Berlin
2016 Türkenlouis´ neue Kleider (Theaterstück)
2023 Atembruch (Gedichte) Verlag Schiler und Mücke, Berlin
2026 Fragm nte aus der Unruhe (Gedichte) Verlag Schiler und Mücke, Tübingen
Kunstprojekte
2004 Argonauten / Argonauts: Limitierte Auflage (Grimmling, Hultenreich, Klimek, Özdemir). Übersetzung ins Englische: Dr. Stan Johns, Neuseeland. Corvinus Presse Berlin
2007 Kopfgefäße. Von Angesicht zu Angesicht: Deutscher Kunstverlag, München, Berlin