Folge 61: „V`herbe“
Linguistin der Natur – Autorin des Gestrüpps:
Claudie Hunzinger und ihr Roman „Ein Hund an meiner Tafel“

„V`herbe“ ist ein französisches Wortspiel: „herbe“ – also Kraut, Pflanze… setzt man ein „V“ davor wird daraus das Wort „Wort“, „Verb“.
Und das drückt ziemlich genau aus, was Claudie Hunzinger in ihren Büchern macht: Pflanzen, Kräuter, Wald, Tiere, Natur in Wörter verwandeln.
Literaturjournalistisch heißt das nun neudeutsch-denglisch: „Nature Writing“. Als ob es das nicht schon immer gegeben hätte – von Ovids Metamorphosen über „Walden“ von Theroux und Stifters „Hochwald“ bis Esther Kinskys „Am Fluss“ und unzählige andere in der Literaturgeschichte aller Länder.

Zunächst habe ich mich über die hochgestochene Formulierung des Titels gewundert: Als ob die Autorin mit einem Hund höchst vornehm diniere…Bis bald der Groschen fiel: „An angel at my table“. Also eine Hommage an Jane Campions wunderbaren Film über die neuseeländische Autorin Janet Frame und ihren Roman mit dem gleichnamigen Titel.

Und es stimmt ja: Unverhofft, wie uns Engel mit einem zarten Windhauch streifen, erscheint da plötzlich ein verängstigter und struppiger Hund bei einem alten Aussteigerpaar, das seit Jahrzehnten wie Philemon und Baucis auf einem kleinen, kargen Gehöft abgelegen in den Vogesen lebt. Die Hündin teilt das Leben der beiden Alten eine Zeit lang und den Roman lang. (Selbstverständlich muss es eine Hündin sein, sonst hätte der Roman ja nicht den „prix femina“ erhalten und sonst würde die Wuff:in sich ja nicht so gut als Projektionsfläche für gender-spezifische Anspielungen eignen! Wobei der Verdacht der Erzählerin, dass die Hündin von einem Mann sexuell missbraucht wurde, real wie fiktional, einigermaßen abwegig ist. Umso mehr als wir das Attribut „Hundeficker“ lieber für Donald Trump reservieren würden. Was aber dann doch eine unverantwortliche Verharmlosung des Staatsterroristen wäre!

Roman steht auf dem Titel, aber das Buch ist sicher mehr autobiografisches Notat als Erfindung. Ein wunderbares autofiktionales Werk über ein altes Aussteigerpaar, beide um die Achtzig, das mit den Menschen kaum noch etwas anfangen kann und will und sich von (fast) allem zurückgezogen hat: Er in die Welt der Literatur und Bücher, die er nachts liest, während er tagsüber schläft. Sie in die Natur, in die Beobachtung und Betrachtung der Pflanzen und Tiere: Mehr noch, in eine Art Übereignung ihrer Person an die Natur, was immer wieder mit ebenso genauen wie poetischen Bildern und Gedanken beschrieben wird – ihre Verwandlung von einer Menschin in ein Teil der Natur. So wirkt sie manchmal wie die Figuren in Ovids Metamorphosen, ein Wesen im Prozess der Verwandlung einer Person in Dinge der Natur, wie die Nymphe Daphne, der schon Blätter und Zweige aus den Haaren sprießen, als sie auf der Flucht vor ihrem Vergewaltiger in einen Lorbeerbaum verwandelt wird.

Ein wirklich intensives Buch, der erste auf Deutsch übersetzte Roman der Autorin aus den Vogesen. Den hier, in Folge 61 von podcastliteratur.de, der Romanist Professor Ulrich Winter und Theo Schneider in Lesung und Gespräch vorstellen. Ein Buch, das Sie unbedingt lesen sollten, von einer Autorin, von der unbedingt weitere Werke auf Deutsch übersetzt werden sollten.

Claudie Hunzinger
„Ein Hund an meiner Tafel“ – Roman
Rowohlt 2024, Hardcover, 288 Seiten, 24,00 €
ISBN: 978-3-498-00375-3

zu der Homepage des Rowohlt-Verlags mit Infos zu dem Buch und einer Leseprobe.

Claudie Hunzinger

Claudie Hunzinger
Foto© Marc Gueanard

Claudie Hunzinger wurde 1940 bei Colmar geboren. Sie hat Kunst für das Lehramt an Gymnasien studiert und von 1964 bis 1972 am Lycée Bartholdi in Colmar unterrichtet. Seit 1964 lebt und arbeitet sie mit ihrem Mann Francis Hunzinger zusammen, der an der renommierten staatlichen „Schäferei von Rambouillet“ ausgebildet wurde und eine Farm in den Vogesen zur Schafzucht unterhielt.

Für beide war es zunächst die Erfüllung eines Kindheitstraums. Ein Aussteigerleben avant la lettre bevor es in Mitteleuropa Mode wurde. Schon bald müssen ihnen die blutigen und kommerziellen Aspekte der Schafzucht weniger gefallen haben. Und so wurde aus dem Handwerk bald Kunsthandwerk und Kunst: Wollproduktion und Wollfärberei, Teppiche, Ausstellungen.

Und man darf nicht vergessen: Sie waren keine naturtrüben, schlichte Waldschrate, sondern bürgerlich gebildete, künstlerisch und literarisch ambitionierte Menschen auf der Suche nach Alternativen zu einem natur- und menschenvernichtenden Kapitalismus – ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus! Schon der Großvater von Claudie Hunzinger hatte ein naturwissenschaftliches Werk verfasst.

Bereits 1973 veröffentlichte Claudie Hunzinger einen tagebuchartigen Bericht über ihre Arbeit in den Vogesen: „Bannwald, das grüne Leben“. Viele weitere Titel folgten, Romane, Sachbücher und Ausstellungskataloge. Eine ausführliche Liste ihrer Bücher und Ausstellungen finden Sie in ihrem Wikipedia auf Französisch.
Claudie Hunzinger ist nicht nur eine erfolgreiche und produktive Autorin, sondern auch als Künstlerin nicht weniger wichtig, produktiv und erfolgreich, mit Ausstellungen in Frankreich und europäischen Nachbarländern. Besonders erwähnenswert vielleicht die Werkfolge der „Bücher aus Asche“, die sie mit ihrem Mann in den Achtziger Jahren realisierte und die Literatur und Natur verbindet.

Ach ja, und dass sie in den Vogesen eine Eselin hatten mit dem Namen „Utopie“.

Weitere Informationen zu Claudie Hunzinger in Französisch finden Sie unter https://fr.wikipedia.org/wiki/Claudie_Hunzinger.