Kostprobe: Thomas Lehr: „Kafkas Schere“
Große literarische Kleinkunst – 10 Kurzprosatexte in memoriam Franz Kafka

Vor hundert Jahren, am 3. Juni 1924, schnitt Atropos, die dritte der Schicksalsparzen, Kafkas Lebensfaden durch. Einer der größten Schriftsteller der Weltliteratur verstarb. Was keiner ahnte, am wenigsten er selbst: dass er einmal zum wohl einflussreichsten Autor des 20. Jahrhunderts werden sollte, der bis heute ganze Generationen von Literaten inspiriert. Ausgerechnet er, der doch seine hinterlassenen Manuskripte zum Vernichten bestimmt hatte, die uns nur durch den Ungehorsam seines Freundes und Nachlassverwalters erhalten blieben.

2024 wird also wohl ein Kafka-Jahr. Warten wir ab, was es uns alles noch bringen wird. Und hören und lesen bis dahin ein wundersam-befremdliches, schaurig-erbauliches, funkelnd-geschliffenes Gebinde aus Kurzprosatexten, das Thomas Lehr zu diesem Anlass geflochten hat: „Kafka-Etüden“ nennt der aus Speyer stammende Schriftsteller diese Prosastücke, von denen vier bereits zuvor in Literaturzeitschriften publiziert wurden.

Diese „Kafka-Übungen“ sind viel mehr als Fingerübungen, sie sind vielmehr hoch konzentrierter, meisterlich komplexer Wortzauber, perfekt kompakt komponiert.
Ihr Setting und das unaufhaltsame Abwärts ihrer Bewegungsrichtung, deren unausweichlich fatale Verläufe, die aus nicht zu ergründenden Gründen schicksalhaft vorgegeben sind, versuchen gerade nicht, Kafkas Stil nachzuäffen, sondern folgen nur der Richtung seines Gangs.

Ganz eigen und eigen-artig, mal traumhaft-fantastisch, mal deprimierend und düster, mal umwerfend witzig und sprachspielerisch wortverliebt. Und ihr Sinn streckt seine Fühler immer nach mindestens drei Kontinenten aus: Sie bewegen sich in den Echoräumen der literarischen Traditionen, sind mithin Literatur-Literatur, sie schmiegen sich an große Mythen des Westens an oder dekonstruieren sie saukomisch, etwa wenn Christi Geburt mit Woody Allens „was sie schon immer über Sex wissen wollten…“ als Science-Fiction verbunden und variiert wird. Und sie implizieren immer auch unausgesprochene Kritik an den gegenwärtig herrschenden Zuständen der Welt und ihrer Menschen.

In dieser Kostprobe liest Ihnen Thomas Lehr gleich drei seiner zehn Kafka-Etüden selbst vor.

Thomas Lehr „Kafkas Schere“
Prosa. Wallstein Verlag. Göttingen 2024
83 Seiten. Gebunden. 18,00 Euro.

Thomas Lehr

Thomas Lehr wurde am 22.11.1957 in Speyer geboren. Er besuchte Gymnasien in Speyer und Ludwigshafen und machte dann schließlich sein Abitur in Ludwigshafen. Seit 1979 lebt er in Berlin. Nach einem Studium der Biochemie / Naturwissenschaften an der FU, arbeitete er längere Zeit als Systemverwalter und Programmierer in der Datenverarbeitung einer wissenschaftlichen Bibliothek der FU-Berlin. Seit 1999 ist er ausschließlich freier Schriftsteller.

Thomas Lehr (c):Foto privat

Werke

Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade. Roman, Rütten und Loening, Berlin 1993, Neuauflage Hanser, München 2014
Die Erhörung. Roman, Aufbau, Berlin 1995, Neuauflage Hanser, München 2011
Nabokovs Katze. Roman, Aufbau, Berlin 1999, Neuauflage Hanser, München 2016
Frühling. Novelle, Aufbau, Berlin 2001, Neuauflage Hanser, München 2019
Roman, Aufbau, Berlin 2005, Neuauflage Hanser, München 2013
Tixi Tigerhai und das Geheimnis der Osterinsel. Aufbau, Berlin 2008, (keine Neuauflage)
September. Fata Morgana. Roman, Hanser, München 2010, (Erstausgabe)
Größenwahn passt in die kleinste Hütte, Kurze Prozesse, Hanser München 2012, (Erstausgabe)
Schlafende Sonne. Hanser, München 2017, (Erstausgabe)
Manfred. Bekenntnisse eines Außerirdischen. Roman, Hanser, München 2023

Würdigungen

1994 Rauriser Literaturpreis für die beste deutschsprachige Erstveröffentlichung
1993,1999,2001 „Buch des Jahres“ des Förderkreises rheinland-pfälzischer Schriftsteller
1995 Mara-Cassens-Preis des Literaturhauses Hamburg für den besten ersten Roman
1996 Förderpreis Literatur zum Kunstpreis Berlin der Berliner Akademie der Künste
1996 Literaturpreis des Bezirksverbandes Rheinland Pfalz, 1996
1998 Stipendium des Künstlerhauses Wiepersdorf
1999 Rheingau Literatur Preis
1999 Marta Saalfeld Förderpreis des Landes Rheinland Pfalz
2000 Wolfgang-Koeppen-Preis der Hansestadt Greifswald
2002 Georg-K-Glaser Preis des Landes Rheinland Pfalz und des SWR
2006 Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz
2011 Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung in Verbindung mit der Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der FU Berlin
2011/2012 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim
2012 Marie-Luise-Kaschnitzpreis
2015 Joseph-Breitbach-Preis
2018 Bremer Literaturpreis
2018 Spycher Literaturpreis Leuk
2018 Kranichsteiner Literaturpreis

Mitglied der Berliner Akademie der Künste
Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur
Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

Mitglied des Deutschen PEN