Kostprobe: Die alltägliche Banalität des Bösen
„Ginsterburg“ – Arno Franks Roman über den Alltag im Nationalsozialismus

Ginsterburg – eine fiktive deutsche Kleinstadt, malerisch gelegen am Wolfsberg. Klein genug, dass jeder jeden kennt. Groß genug um als Modell die Entstehung und Funktionsweise der Barbarei des Nationalsozialismus zu illustrieren.

Arno Frank zeigt die Entwicklung seiner Figuren in drei Zeitabschnitten: 1935 – 1940 – 1945.

Der Roman beschreibt Menschen, die uns vertraut sind: Profiteure und Mitläufer, Angepasste und Ausgegrenzte. Er macht sichtbar, wie wenig Druck nötig ist, wenn es nur darum geht, es bequemer zu haben oder zum ersten Mal Macht über andere zu besitzen. Hinter der gemütlichen Fassade lauert der Abgrund. Mit filmischem Blick und großer erzählerischer Kraft rekonstruiert Frank die Lebenswirklichkeit im Nationalsozialismus bis ins Detail und schafft ein vielstimmiges Porträt einer Gesellschaft, das jede pauschale Zuschreibung unterläuft und lange nachwirkt.

Am Ende wirft der Roman uns auf uns selbst zurück: Wie würden wir handeln, wenn sich Grenzen verschieben, das Unsagbare sich normalisiert, Verrohung Teil des Alltags wird?

In dieser Kostprobe stellt die Germanistin Stefanie Schmoll den neuen Roman des Kaiserslautern geborenen Autors Arno Frank in Lesung und Kritik vor.

Arno Frank
Ginsterburg
Klett-Cotta, Stuttgart 2025
432 Seiten
26,00 Euro

Pressestimmen

»Arno Frank zeigt auf so bedrückende wie eindrückliche Weise, wie es möglich war, unberührt zu bleiben, und wohin Gleichgültigkeit und Verblendung führen können.«
Peter Zimmermann, ORF Ö1, 2. März 2025

»Bildstarkes, intensives Szenario um die hochaktuelle Frage, welchen Preis wir bereit sind, für den Erhalt der Demokratie zu zahlen.«
Günter Keil, Playboy, 1. März 2025

»Arno Frank versteht es ausgezeichnet, die Atmosphäre einer Stadt zu schildern und zu entwickeln, wie sie immer weiter in Richtung Abgrund trudelt. In drei großen und großartigen Abschnitten – 1935, 1940 und 1945 – lässt er sein facettenreiches und gar nicht nach einem einfachen Gut-Böse-Schema entworfenes Figurenensemble zueinander in Beziehung treten, wozu er seinem Text gelegentlich historische Dokumente beigibt. So entsteht sein aus individuellen Geschichten gefügtes Geschichtsbuch, das sinnlich macht, dass die Vergangenheit eben nicht tot ist.«
Ulrich Steinmetzger, FAZ, 25. Juni 2025

»Er spielt das Schicksal der deutschen Bevölkerung zwischen 1935 und 1945 quasi im Puppenhaus nach. […] Seine Warnung vor der Geschichte ist die Geschichte, die er hier mit feiner Feder schreibt. Und das macht ›Ginsterburg‹ zu einem großartigen Roman.«
Doris Kraus, Die Presse am Sonntag, 4. Mai 2025

»Ein wuchtiges Kleinstadtepos hat der „Spiegel“-Journalist da geschaffen, mit geduldiger Einfühlsamkeit in die Seelen der Menschen, die verführt werden sollen, die erliegen, die sich wehren. Es ist das Sittenbild des Städtchen Ginsterburg zur Zeit der Machtergreifung der Nazis und Frank zeigt an ganz verschiedenen, genau gezeichneten Charakteren die Fehlbarkeit und den Mut ganz normaler Menschen. Er richtet hier nicht moralisch, er dokumentiert in glänzend literarischem Stil den schleichenden Einfluss der Faschisten. Was trügerisch beschaulich beginnt, führt in den Abgrund.«
Bernd Noack, Nürnberger Nachrichten, 1. Mai 2025

»Dieser souverän erzählte Roman muss die Trauer nicht ausklammern. Arno Frank lässt keinen Zweifel daran, dass die Zerstörung der Stadt und das massenhafte Sterben der Preis sind, den Ginsterburg bezahlen muss für die ängstliche Tatenlosigkeit und das kalte Einverständnis, die bequemen Beschwichtigungen und die fidele Überheblichkeit.«
Holger Heimann, WDR 3, 10. April 2025

»Die Genauigkeit und Anschaulichkeit sind beeindruckend, mit der er die Verrohung einer Gesellschaft zeigt, ihre immer stärkere Drift ins Totalitäre und ihren Untergang. […] Arno Frank zeigt auf so bedrückende wie eindrückliche Weise, wie es möglich war, unberührt zu bleiben, und wohin Gleichgültigkeit und Verblendung führen können.«
Holger Heimann, SWR Kultur, 18. März 2025

»Der Roman ist eine zeitlose Studie über Anpassung und Mitläufertum. An ihrem Ende zerbricht die verlogene Scheinwelt, geht Ginsterburg in einem Bombenangriff unter. Die sprachgewaltige Schilderung des Feuersturms ist das furiose Finale eines beeindruckenden Meisterwerks.«
Joachim Peter, Aachener Zeitung, 17. März 2025

»Arno Frank hat ein enormes Gefühl für die Untiefen des Alltags, ohne zu moralisieren. Man könnte in ihm einen modernen Fallada sehen.«
Andrea Seibel, Welt am Sonntag, 2. März 2025

»Dieser Roman erzählt facettenreich vom Abrutschen einer Gesellschaft in den Faschismus und davon, dass man kein richtiges Leben im Falschen führen kann. Aktueller könnte ein Buch kaum sein.«
Thomas Hummitzsch, der Freitag, 13. Februar 2025

»Die Ereignisse der Jahre 1935 bis 1945 hängen wie Tapete in den Wohnräumen der Figuren, verstecken sich in den Ritzen und Fugen ihrer Alltagsgespräche und rücken manchmal aus dem Augenwinkel in den Fokus, in all ihrer Monstrosität. […] Arno Frank gelingt es, die viel beschriebene, aber selten begriffene Banalität des Bösen erfahrbar zu machen: Mit einem Montageverfahren, das sich jeder Einfachheit und moralischen Eindeutigkeit widersetzt und ein Nebeneinander von einfühlsamen und grausamen Momenten schafft, das man erst mal aushalten muss.«
Bernhard Heckler, Süddeutsche Zeitung, 14. Februar 2025

Arno Frank

Arno Frank wurde 1971 in Kaiserslautern geboren, hier wuchs er auf und ging in Schule und Gymnasium. In Marburg studierte er Kunstgeschichte und Philosophie. Anschließend absolvierte er die Deutsche Journalistenschule in München. Elf Jahre lang arbeitete er als Redakteur bei der taz in Berlin, bei der er unter anderem das Ressort Gesellschaft entwickelte und leitete.

Als freier Kulturjournalist und Essayist schrieb er für Spiegel Online, Die Zeit, Neon, den Fluter sowie Dummy. Er war Inlandskorrespondent der taz für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Heute arbeitet er als „fester Freier“ für SPIEGEL und SPIEGEL-Online. Arno Frank lebt mit seiner Frau, einer Denkmalpflegerin, und den beiden gemeinsamen Töchtern seit 2011 in Wiesbaden. 2017 veröffentlichte er seinen ersten Roman (So, und jetzt kommst du), der auf autobiographischen Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend basiert. Sein zweiter Roman, Seemann vom Siebener, erschien 2023. Er ist Mitgründer des PEN Berlin.

Foto: (c) Maximilian Gödecke Photography